Pressemitteilung September 2020

Hessische Kinder wollen mitbestimmen

Die hessischen Kinder sagen mehrheitlich, dass sie in ihren Belangen auf kommunaler Ebene mitbestimmen wollen. Allerdings fühlen sie sich nicht ernst genommen, wenn es niemanden gibt, an den sie sich wenden könnten. Dies geht aus dem aktuellen LBS-Kinderbarometer Deutschland 2020 – Länderbericht Hessen hervor, den die hessenstiftung – familie hat zukunft vorlegte. Die aktuelle Befragung im Rahmen einer bundesländerübergreifenden Studie wurde vom PROSOZ Institut für Sozialforschung – PROKIDS im Auftrag der Hessenstiftung in Kooperation mit der Landesbausparkasse (LBS) Hessen-Thüringen und dem Deutschen Kinderschutzbund Landesverband Hessen e.V. durchgeführt. Im Sommer 2019 beantworteten 621 Schülerinnen und Schüler zwischen 9 und 14 Jahren aus ganz Hessen Fragen zu den Themen Zukunft, Umwelt, Familie, Digitalisierung, Medien, Mobbing und Mitbestimmung.

Augenfällig ist bei der Langzeitbetrachtung der Stichprobe der Studie der stark angestiegene Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund, der hier über die Geburt der Kinder oder ihrer Eltern in einem anderen Land definiert wird. Hatte 2009 und 2013 etwa ein Drittel der Kinder einen Migrationshintergrund, so ist es 2019 knapp die Hälfte. Das ist von Bedeutung, weil bei den einzelnen Themen Unterschiede zwischen den Kindern mit und denen ohne Migrationshintergrund auszumachen sind. Eine offenkundige Diskrepanz zum politischen Ziel der Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit sieht der hessische Sozialminister Kai Klose, wenn vor allem Mädchen und Kinder mit Migrationshintergrund ihre Chancen, die eigenen Ziele zu erreichen, schlechter einschätzen. Minister Klose sagte: „Wir wollen, dass in Hessen alle Kinder und Jugendlichen die gleiche Chance auf eine gute Bildung und einen guten Start ins Leben haben. Deswegen wollen wir die nötigen Rahmenbedingungen verbessern, damit alle Kinder und Jugendlichen gut und sicher aufwachsen, an unserer Gesellschaft teilhaben und ihre Fähigkeiten und Interessen entfalten können. Verlässliche Bindungen zu ihrem Elternhaus und ihrem weiteren Lebensumfeld, beispielsweise in Kindergarten, Schule, Gemeinde oder Verein, sollen sie stark und selbstbewusst machen.“ 
Ein Punkt ist neu in der Stichprobe. Es gibt nicht nur die etwa hälftige Aufteilung in Mädchen und Jungen, sondern erstmals auch die Kategorie divers, der sich ein Prozent der Kinder zuordnete.

Klimawandel: Müllvermeidung und Fahrradfahren
Das Trendthema der vergangenen Jahre, der Klimawandel, wurde nicht zuletzt über die Friday-for-Future-Bewegung bei der Jugend verankert und ist auch bei den 9- bis 14-Jährigen angekommen. Ab der sechsten Klasse sind sie zu 100 Prozent dem Thema schon begegnet. Das Verständnis dessen, worum es beim Klimawandel geht, liegt laut Selbsteinschätzung der hessischen Kinder relativ hoch. Kleine Abweichungen nach unten gibt es hier bei den Mädchen gegenüber den Jungen und bei Kindern mit Migrationshintergrund gegenüber denen ohne. Mehr als ein Drittel der Kinder fürchten sich vor den Folgen des Klimawandels. Auf der Rangliste dessen, was sie selbst gegen den Klimawandel tun können, stehen ganz oben: Müll vermeiden, Müll entsorgen und Fahrradfahren. Der Geschäftsführer der hessenstiftung – familie hat zukunft hielt zwei Aussagen von Schülern für eine doppelte Nagelprobe der Ernsthaftigkeit: „Ich fahre selbst bei Regen nie mit dem Auto zur Schule“, und „ich möchte nicht mit dem Auto zur Schule gebracht werden!“ Kuther sagte: „Der Verzicht auf das Elterntaxi kann zeigen, ob Eltern ihre Kinder in ihren Wünschen ernst nehmen, und ob Kinder ihre Überzeugungen auch unter widrigen Bedingungen in die Tat umsetzen.“

Digitalisierung: Schule läuft dem Alltag hinterher
Die Fragen zur Digitalisierung interessieren nach der Phase des sogenannten „Home-Schooling“ noch mehr als zum Zeitpunkt der Erhebung. Doch bereits da konnten mehr als ein Viertel der Befragten sagen, dass sie oft bzw. sehr oft in der Schule etwas über den richtigen Umgang mit neuen Medien lernten. Der Durchschnitt, der bei „manchmal“ lag, sollte sich nach dem Neustart in die Schule gesteigert haben. Die Schule läuft bei der Mediennutzung der Alltagswirklichkeit immer ein Stück hinterher.
Zur Feststellung der Studie, dass das Wohlbefinden der Kinder unabhängig von der Häufigkeit von schulischen Einheiten zum Umgang mit neuen Medien und sicherem Verhalten im Internet ist, sagte der Geschäftsleiter der Landesbausparkasse (LBS) Hessen-Thüringen, Stephen Adam: „Das Wohlbefinden – besonders in Home-Schooling-Zeiten – hängt meiner Meinung nach stärker von der häuslichen Wohnsituation der Familien ab als von der Digitalisierung. Denn in einer kleinen Wohnung gibt es nicht so viele Möglichkeiten, in Ruhe für die Schule zu arbeiten, wenn gleichzeitig die Eltern und eventuell Geschwister anwesend sind.“
Am häufigsten nutzen hessische Kinder das Internet, um online Videos zu schauen. Fast ebenso häufig schreiben sie online Nachrichten. Zwei Drittel der Kinder nutzen oft Onlinedienste wie „WhatsApp“ zum Schreiben von Nachrichten. In Abhängigkeit vom Bildungsort und vom Migrationshintergrund liegen die Nutzungsraten bei Kindern der Haupt- und Gesamtschule höher wie auch bei Kindern mit Migrationshintergrund. Soziale Netzwerke wie „Facebook“ werden im Durchschnitt manchmal genutzt. Die Möglichkeit, Bilder oder Videos hochzuladen, wird nach den Selbstaussagen eher selten wahrgenommen. Dem entspricht, dass hessische Kinder zu knapp der Hälfte sehr darauf achten, im Internet nicht zu viel von sich preiszugeben. Drei Viertel der Kinder in Hessen wurde noch nie Opfer von Cybermobbing und 86 Prozent sind auch nie zum Täter dabei geworden. Allerdings berichten 6 Prozent davon, dass manchmal beleidigende Texte oder Bilder über sie mit dem Smartphone verschickt werden. 4 Prozent der Kinder erleben sich sogar oft bis sehr oft als Opfer von Cybermobbing. Immerhin 11 Prozent der Kinder geben an, selten beleidigende Texte oder Bilder verschickt zu haben, 2 Prozent manchmal und 1 Prozent oft oder sehr oft.

Demokratieförderung: Mitbestimmung bleibt ambivalent
Seit 2019 gibt es die hessische Kinder- und Jugendrechte-Charta, um der Mitbestimmung von Kindern in Hessen mehr Bedeutung einzuräumen. Schließlich gehört sie zu den in der UN-Konvention verbrieften Rechten des Kindes. Hessen kann über die Jahre auf einen positiven Trend verweisen: Inzwischen gibt die Hälfte der hessischen Kinder an, schon einmal von der UN-Konvention über die Rechte des Kindes gehört zu haben. Für die Demokratieförderung in der befragten Altersklasse ist das Interesse an Mitbestimmung in der Ortsgemeinde von Bedeutung. Hier ist ebenfalls ein Anstieg zu verzeichnen, sodass Hessen zu den Bundesländern mit höchstem Beteiligungsinteresse zählt: Zwei Drittel der Kinder wollen sich beteiligen. Allerdings fällt mit 43 Prozent der Anteil der Kinder hoch aus, die davon überzeugt sind, in ihrer Gemeinde oder Stadt nicht ernst genommen zu werden. Hier besteht ein direkter Zusammenhang mit der Kenntnis von Ansprechpersonen, bei der Hessen im Bundesländerranking im unteren Drittel liegt: Nur etwas weniger als die Hälfte der befragten Kinder weiß, an wen sie sich wenden müssen, wenn sie in ihrer Stadt oder Gemeinde etwas für Kinder verändern möchten. Dazu sagte Verone Schöninger, die Landesvorsitzende des Deutschen Kinderschutzbundes in Hessen: „Kinder müssen wissen, an wen sie sich wenden können. Sie brauchen Kinderbeauftragte in allen Gebietskörperschaften, auch auf Landesebene, wenn wir es ernst damit meinen, ihnen Gehör zu schenken.“ Die Handlungsempfehlungen der Kinderrechte-Charta Hessen aus 2019 sehen die Einführung eines Kinderrechte-Beirats vor, was Schöninger als sehr wichtigen Schritt gelebter Mitbestimmung und konkreter Demokratieförderung erachtet.

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